Die Hanfspinnerei in Genthin
Über 130 Jahre Industriegeschichte an der Geschwister-Scholl-Straße
Entdecken Sie die Geschichte
Die Anfänge: Zementfabrik Paul Stolte
1886–1920
Im Jahr 1886 gründete Maurermeister Paul Stolte südlich des Elbe-Havel-Kanals, im Genthiner Werder, die Zementfabrik Paul Stolte AG. Der markante rote Klinkerbau im Stil des Historismus entstand um 1900 – ein imposantes Industriegebäude, das bis heute das Stadtbild von Genthin prägt.
1904 wurde der charakteristische Treppen- und Aufzugsturm ergänzt. Das Gebäude weist große Ähnlichkeiten mit dem Lumpenhaus der Papierfabrik Hohenofen und der Ofenfabrik in Velten auf. Die Zementbaugesellschaft verlagerte später ihren Sitz nach Parey.
Historismus-Architektur
Roter Klinkerbau um 1900 im charakteristischen Stil der Industriearchitektur
Treppen- und Aufzugsturm
Markante Ergänzung aus dem Jahr 1904, prägt das Stadtbild
Lage am Kanal
Strategische Position am Elbe-Havel-Kanal im Genthiner Werder
Wechselnde Nutzungen in den 1920er Jahren
1920–1929
Nach dem Wegzug der Zementfabrik folgten verschiedene Unternehmen, die das große Areal am Kanal nutzten. Das Gelände bot Raum für mehrere Betriebe gleichzeitig und entwickelte sich zu einem vielseitigen Industriestandort.
1
1920
Genthiner Metallwerke GmbH übernimmt das Gelände
2
1922
Genthiner Farbwerke GmbH zieht ein (bis 1936)
3
1920er
Genthiner Kartonpapierfabrik GmbH zeitweise ansässig

Das große Areal am Elbe-Havel-Kanal ermöglichte die gleichzeitige Ansiedlung mehrerer Industriebetriebe und machte den Standort zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für Genthin.
Die Hanfspinnerei entsteht
1929–1945
1929 übernahm die Hanfspinnerei Mahndorf AG die Immobilie. Das Unternehmen war am 12. April 1923 in Bremen-Mahndorf von der J.H. Findeisen AG für die Fabrikation von Seilerwaren und Tauwerk gegründet worden.
Es gehörte zur Hanfspinnerei Baumhüter GmbH in Batenhorst bei Wiedenbrück (Westfalen) und firmierte dann als Hanfspinnerei Baumhüter AG, Genthin. Die Genthiner gaben dem Gebäude den Namen „Hanfspinnerei" – einige bezeichneten es scherzhaft auch als „Strippenbude".
Produktion im Dreischichtsystem
  • Erntebindegarn aus Sisal-Hanf
  • Hanfgarn für Seilereien
  • Lieferungen an verschiedene Betriebe
  • Import von Rohstoffen
„Die Fabrik stellte im Dreischichtsystem Erntebindegarn aus sogenanntem Sisal-Hanf her sowie Hanfgarn für Seilereien und andere Betriebe – vermutlich mit importierten Rohstoffen. Hanf aus der Region wurde kaum verarbeitet."
DDR-Zeit: VEB Feinjute- und Hanfspinnerei
1945–1990
Nach dem Krieg übernahm 1951 die VVB Bastfaser Leipzig treuhänderisch den Betrieb. Ab dem 1. April 1953 wurde er an den VEB Feinjute- und Hanfspinnerei Brandenburg verpachtet. In den 1970er Jahren wurde der Betrieb Teil des VEB Textile Verpackungsmittel Weida, Werk Brandenburg.
120-145
Mitarbeiter
Beschäftigte im Drei-Schicht-Betrieb zwischen 1953 und 1990
180t
Spinnpapier-Garn
Jährliche Produktion von Erntebindegarn aus Spinnpapier (1949–1951)
200t
Kabelgarn
Produktion für VEB Kabelwerk Berlin-Köpenick ab 1959
Innovation in der Not
Wegen des Mangels an Faserrohstoffen nach dem Weltkrieg stellte die Hanfspinnerei von 1949 bis 1951 sogar Erntebindegarn aus Spinnpapier her – eine bemerkenswerte Anpassungsleistung.
Vielfältige Abnehmer
Die Seilergarne gingen an Seilereien, Genossenschaften und private Abnehmer – für den Export, die Hochseefischerei und Bergwerksbetriebe.
Wende und Übergang
1990–1999
Das Ende einer Ära
Mit der Stilllegung 1990 endete die industrielle Hanfverarbeitung in Genthin. Das Betriebsgelände wurde dem Alteigentümer rückübertragen – ein Schicksal, das viele ostdeutsche Industriebetriebe nach der Wende teilten.
Anschließend zog vorübergehend die Genthiner Fensterwerke GmbH ein, die 2002 in das Gewerbegebiet Nord umzog. Die historischen Mauern warteten auf eine neue, dauerhafte Bestimmung.
1990: Stilllegung
Ende der Hanfproduktion
Rückübertragung
An Alteigentümer
Fensterwerke
Vorübergehende Nutzung
Neue Perspektive
Suche nach Investor
TCS: Neues Leben in historischen Mauern
Seit 1995
1995 kaufte die neu gegründete TCS TürControlSysteme GmbH (heute TCS AG) die Immobilie, sanierte den denkmalgeschützten Altbau in der Geschwister-Scholl-Straße 7 aufwändig und nutzt ihn seit 1999 als Hauptsitz und Produktionsstätte.
Von der Vision zum Erfolg
Gründer Otto Duffner und der bereits verstorbene Joachim Frank starteten mit nur zwei Mitarbeitern. Heute ist TCS einer der führenden Spezialisten für Tür- und Gebäudekommunikation.
130
Mitarbeiter am Hauptsitz
In Genthin beschäftigt
300
Mitarbeiter weltweit
Globale Präsenz
01
1999: Anmietung der Immobilie
TCS erwirbt das historische Gebäude
02
Aufwändige Sanierung
Denkmalgerechte Restaurierung des Altbaus
03
200?: Bezug des Hauptsitzes
Start der Produktion in Genthin
04
1999: Bezug des Hauptsitzes
Start der Produktion in Genthin
05
Kontinuierliches Wachstum
Von 2 auf 300 Mitarbeiter weltweit
Erweiterung und Modernisierung
2014
2014 wurde der Grundstein für einen 3,5-Millionen-Euro-Erweiterungsbau gelegt, bei dem der denkmalgeschützten Hanfspinnerei als Herzstück vier architektonisch anspruchsvolle Gebäude hinzugefügt wurden.
Denkmalschutz trifft Moderne
Die historische Hanfspinnerei bleibt das Herzstück des Ensembles und wurde behutsam in das moderne Gesamtkonzept integriert.
Zwei neue Gebäudeteile
Architektonisch anspruchsvolle Neubauten ergänzen den historischen Kern und schaffen zusätzliche Produktions- und Büroflächen.
Standort mit Charakter
Zwischen Elbe-Havel-Kanal und Wasserturm entstand eine Residenz mit einzigartigem industriellem Charme.

Historisches Erbe bewahrt: Die alte Dampfmaschine aus der Zeit Paul Stoltes ist bis heute erhalten und zeugt von der langen Industrietradition des Standorts.
Zeitleiste: 130 Jahre Geschichte
1886
Gründung der Zementfabrik Paul Stolte AG
~1900
Bau des roten Klinkergebäudes im Historismus-Stil
1904
Ergänzung des charakteristischen Treppen- und Aufzugsturms
1920
Genthiner Metallwerke ziehen ein
1929
Hanfspinnerei Mahndorf AG übernimmt das Gebäude
1945
Kriegsende, Beginn der Verstaatlichung
1953
Verpachtung an VEB Feinjute- und Hanfspinnerei Brandenburg
1990
Stilllegung nach der Wende
1995
TCS kauft die Immobilie
1999
TCS bezieht den sanierten Altbau
2014
Grundsteinlegung für 3,5-Millionen-Euro-Erweiterungsbau
Ein Wirtschaftswunder aus Genthin
Die historische Hanfspinnerei zwischen Elbe-Havel-Kanal und Wasserturm ist heute eine Residenz mit Charakter – ein echtes Wirtschaftswunder aus Genthin. Von der Zementfabrik über die Hanfverarbeitung bis zum modernen Technologieunternehmen spiegelt das Gebäude über 130 Jahre deutsche Industriegeschichte wider.
Denkmalschutz
Behutsame Sanierung des historischen Klinkergebäudes unter Wahrung des industriellen Erbes
Innovation
Modernste Technologie für Tür- und Gebäudekommunikation am traditionsreichen Standort
Wachstum
Von 2 Mitarbeitern zu einem weltweit agierenden Unternehmen mit 340 Beschäftigten
Standorttreue
Kontinuierliche Investitionen in den Standort Genthin und die Region Sachsen-Anhalt
„Die Hanfspinnerei ist mehr als ein Gebäude – sie ist ein Symbol für die Wandlungsfähigkeit und Innovationskraft der deutschen Industrie. Vom Zement über Hanf bis zur digitalen Gebäudetechnik: Hier wurde immer produziert, entwickelt und in die Zukunft investiert."

Die Geschichte der Hanfspinnerei zeigt eindrucksvoll, wie historische Bausubstanz und moderne Unternehmenskultur eine erfolgreiche Symbiose eingehen können. Das markante rote Klinkergebäude an der Geschwister-Scholl-Straße ist heute nicht nur ein architektonisches Wahrzeichen Genthins, sondern auch ein lebendiges Zentrum wirtschaftlicher Innovation.